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Prof. Dr. Dr.
h.c. Heinrich Waenke Max-Planck-Institut für Chemie, Cosmochemistry
Department


 Das montierte APXS
am Rover "Sojourner" |
Am 4. Juli 1997, nach einer
Flugdauer von sieben Monaten, landete die NASA-Sonde Mars Pathfinder im Ares
Vallis auf unserem Nachbarplaneten. Das neben den Kameras wesentliche
wissenschaftliche Instrument, das Alpha-Proton-Röntgenspektrometer (APXS),
wurde am Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz, in der Abteilung
Kosmochemie entwickelt und gebaut. Die Projektleitung für das
APX-Spektrometer lag in den Händen von Dr. Rudolf Rieder. Neben Mainzer
Wissenschaftlern und Technikern haben an diesem Projekt internationale
Kollegen, vor allem aus den USA und Rußland mitgearbeitet. Das
APX-Spektrometer für die chemische Analyse der Staubschicht und der darin
bzw. darauf liegenden Gesteine war auf dem kleinen Mars-Rover "Sojourner"
montiert, der im Jet Propulsion Laboratory der NASA in Pasadena, Kalifornien,
entwickelt worden war. |
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Das Prinzip des
Spektrometers beruht auf der Bestrahlung der zu untersuchenden Probe mit
Alphateilchen aus dem Curium-Isotop 244. Drei verschiedene Wechselwirkungen der
Alphateilchen mit der Probe werden benützt.
1.)
Rückstreuung der Alphateilchen an den Atomkernen der Probe (Rutherfordsche
Streuung). Die Energie der um etwa 180° zurückgestreuten Alphateilchen
ist ein direktes Maß für die Masse des Atomkerns, an dem die
Streuung stattfindet. Sie wird mit einem Halbleiterdetektor gemessen. Dieser
Alpha-Modus ist besonders nützlich für die Analyse der leichten Atome
Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff.
2.) Die auf die Probe
auftreffenden Alphateilchen können in selteneren Fällen auch in die
Atomkerne eindringen und diese zur Aussendung von Protonen anregen. Diese
Alpha-Protonen Reaktionen werden für die Analyse von Natrium, Magnesium,
Aluminium und Silizium mit herangezogen.
3.) In der
Wechselwirkung der Alphateilchen mit den Atomhüllen der Atomkerne werden
Elektronen aus den inneren Elektronenschalen herausgeschlagen. Beim
Wiederauffüllen dieser Löcher entsteht charakteristische
Röntgenstrahlung, die mit einem Röntgendetektor nachgewiesen und
für die Analyse aller Elemente schwerer als Natrium verwendet wird.
Während die Alpha- und Protonendetektoren praktisch bei jeder
Temperatur unter 30° Celsius arbeiten, hängt die Energieauflösung
des Röntgendetektors stark von seiner Temperatur ab. Um kostbare
elektrische Energie zu sparen, blieb ein eingebauter kleiner Peltierkühler
unverwendet. Deshalb konnten die Röntgenspektren nur in der Nacht
aufgenommen werden, nachdem die Temperatur unter minus 30° Celsius
abgesunken war. An der Pathfinder Landestelle wurden um die Mittagszeit
Temperatur-Höchstwerte von plus 5° Celsius gemessen, während in
der Nacht die Temperatur auf minus 80° Celsius absank. Ursprünglich
war das Mainzer Spektrometer für die russische Mars-96 Mission gebaut
worden. Es hat eine Gesamtmasse von 570 Gramm und ermöglicht bei einem
Energieverbrauch von 340 Milliwatt die Analyse aller Elemente außer
Wasserstoff, sofern sie in einer Konzentration von mehr als 0.1 % vorliegen.
Als amerikanische Wissenschaftler von den Spezifikationen des Spektrometers
hörten, wurde von der Leitung des Pathfinderprojekts angefragt, ob das MPI
Mainz ein solches Spektrometer auch für dieses Projekt zur Verfügung
stellen würde. Die Zusage erfolgte prompt, insbesondere, da bekannt war,
daß das Spektrometer auf einem Rover montiert werden sollte. Auf den
russischen Sonden, den zwei "kleinen Stationen", waren nur Analysen des Staubs
an den beiden Landepunkten vorgesehen, dafür aber auch Analysen in einigen
Metern Tiefe mittels zweier Penetratoren. Die Mars-96 Mission scheiterte
bereits kurz nach dem Start am 16./17. November 1996 . Die Mars Pathfinder
Mission klappte in allen Einzelheiten hervorragend. Die erste Publikation
über die Ergebnisse der Pathfinder Mission in der Zeitschrift "Science"
wird heute gleichzeitig in den USA und hier in Mainz vorgestellt. Die ersten
Resultate der APXS-Analysen sind dort in dem Artikel "The Chemical Composition
of Martian Soil and Rocks Returned by the Mobile Alpha Proton X-ray
Spectrometer: Preliminary Results from the X-ray Mode" von R. Rieder, T.
Economou, H. Wänke, A. Turkevich, J. Crisp, J. Brückner, G. Dreibus
und H. Y. McSween, Jr. nachzulesen. |
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Als erstes hatte Sojourner
den Meßkopf des APX-Spektrometers in die freie Marsatmosphäre
gehalten. Das Ergebnis der Analyse war nicht überraschend - praktisch
reines C02. Für die, die dieses Spektrometer entwickelt und
gebaut hatten, war es dennoch Anlaß für einen Freudenschrei: "Hurra,
unser Ding hat Start, Flug und Landung überstanden." Als nächstes hat
Sojourner dann seine "Spürnase" in den Sand gesteckt, also eine chemische
Analyse des Marsstaubs vorgenommen. Auch hier keine große
Überraschung: Der Staub an der Pathfinder Landestelle in Ares Vallis ist
in seiner Zusammensetzung sehr ähnlich dem Staub, den die Vikingsonde 1
vor 21 Jahren an der etwa 1000 km weiter westlich gelegenen Landestelle Chryse
gemessen hatte. |
 Sojourner mit dem APXS |
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Bei der Vikingmission gab es
zwei Sonden, die an zwei 6500 km voneinander entfernten Landestellen den Staub
analysierten. Das feine Material des Bodens hatte aber eine beinahe identische
Zusammensetzung. Die heftigen, am Mars zu bestimmten Zeiten auftretenden
Staubstürme sorgen offenkundig für eine weitgehende Durchmischung der
Staubschicht, zumindest in mittleren Breiten. Der Staub enthält viel Eisen
und Magnesium, aber auch Aluminium und Calcium, beträchtliche Mengen von
Schwefel und Chlor, jedoch sehr wenig Kalium. Diese Zusammensetzung wurde als
Verwitterungsprodukt von mafischen (magnesium- und eisenreichen) Gesteinen
interpretiert. Einem Modell zufolge stammen Schwefel und Chlor aus der
Wechselwirkung von vulkanischen Gasen mit den mafischen Gesteinen, die zur
Bildung von Sulfaten und Chloriden führt. Die Staubproben derVikingmission
wurden mit einem Arm von den Sonden aus genommen, dessen Länge aber nicht
ausreichte, um an Steine zu gelangen.
Mit dem Rover der Marsmission
Pathfinder konnte nun erstmals an einen Stein herangefahren werden, um ihn zu
untersuchen. "Barnacle Bill" tauften die NASA Wissenschaftler den ersten Stein,
an den Sojourner seine Spürnase drückte. Zur großen
Überraschung aller mit dem Mars beschäftigten Wissenschaftler hatte
dieser Stein eine Zusammensetzung, die kaum jemand vermutet hätte: Sehr
viel Si02, viel AI203, reichlich
K20 aber nur sehr wenig MgO. Also ein hochdifferenziertes, typisches
Krustengestein, auf der Erde vergleichbar mit einem Andesit (vulkanisches
Gestein, wie es insbesondere an Subduktionszonen auftritt), nur mit einem
wesentlich höheren Gehalt an FeO. Letzterer erklärt sich aus dem mehr
als doppelt so hohen Fe0-Gehalt des Marsmantels im Vergleich zum Erdmantel, wie
die Wissenschaftler der Abteilung Kosmochemie schon vor 13 Jahren auf Grund von
Untersuchungen an Marsmeteoriten gezeigt hatten. Es wird allgemein angenommen,
daß Marsmeteorite - beim Einschlag größerer Körper aus
der Marsoberfläche herausgeschleudert - dem Schwerefeld des Mars entkamen
und schließlich nach einigen Millionen Jahren als Meteorite auf die Erde
fielen. Die Marsmeteorite (wir kennen insgesamt 12 Vertreter) haben recht
unterschiedliche Zusammensetzungen mit einem starken Überwiegen der
mafischen bis ultramafischen Komponenten. Die Vikinganalysen, sowie die
Zusammensetzung der Marsmeteorite, führten zur Ansicht, daß Mars ein
wenig entwickelter Planet wäre, auf dessen Oberfläche mafische
Gesteine vorherrschten.
In Wahrheit besitzt Mars also - wie die Erde -
eine hochdifferenzierte Kruste mit viel Aluminium und Silizium. Wegen der im
Vergleich zur Erde wesentlich geringeren Masse (1/10 der Erdmasse) hatte man
eine so große Differenzierung am Mars nicht erwartet. "Barnacle Bill" und
vier weitere Steine, die Sojourner mit dem APX-Spektrometer aufsuchte, erwiesen
sich in ihrer Zusammensetzung recht ähnlich, aber von der der
Marsmeteorite völlig verschieden. Sollten die vereinzelten Skeptiker der
Theorie über den Marsursprung dieser, auch SNC-Meteorite genannten,
Meteorite etwa doch Recht haben ?
Ein Vergleich der Zusammensetzung der
Steine in der Umgebung der Pathfinder Landestelle mit der Zusammensetzung des
Staubs, in dem, bzw. auf dem die Steine liegen, liefert Aufschluß
über diese Frage (siehe Tabelle 1 ): Der Staub kann auf keinen Fall allein
aus dort liegenden Steinen entstanden sein. Selbst wenn man Verwitterung, bzw.
Reaktionen mit Vulkangasen, wie S02 und HCI in Rechnung stellt, ist
dies nicht möglich, da der Staub wesentlich mehr Mg0 und Fe0 enthält,
als die Steine. Hingegen enthalten die Steine mehr Si02 und Kalium,
als der Staub.
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Oxyde
Gew. % |
Boden- durch-
schnitt A-4, A-5 A-10, A-15 |
A-8 Scooby
Doo |
A-3 Stein
Barnacle Bill |
A-7
Stein Yogi |
A-17
Stein
Shark |
Stein
unkonta- miniert) |
|
Na2O |
2.4 |
2.0 |
3.2 |
1.7 |
2.0 |
2.6 |
|
|
MgO |
7.8 |
7.1 |
3.0 |
5.9 |
3.0 |
2.0 |
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Al2O3 |
8.6 |
9.1 |
10.8 |
9.1 |
9.9 |
10.6 |
|
|
SiO2 |
48.6 |
51.6 |
58.6 |
55.5 |
61.2 |
62.0 |
|
|
SO3 |
5.9 |
5.3 |
2.2 |
3.9 |
0.7 |
0.0 |
|
|
Cl |
0.6 |
0.7 |
0.5 |
0.6 |
0.3 |
0.2 |
|
|
K2O |
0.3 |
0.5 |
0.7 |
0.5 |
0.5 |
0.7 |
|
|
CaO |
6.1 |
7.3 |
5.3 |
6.6 |
7.8 |
7.3 |
|
|
TiO2 |
1.2 |
1.1 |
0.8 |
0.9 |
0.7 |
0.7 |
|
|
FeO |
16.5 |
13.4 |
12.9 |
13.1 |
11.9 |
12.0 |
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Es muß also auf der
Marsoberfläche auch Gebiete geben, in denen Gesteine mit einer anderen
Zusammensetzung vorherrschen, als die bisher an der Pathfinder Landestelle
gefundenen. Vor allem Gesteine mit einem hohen Gehalt an Mg0 und FeO. Die
Marsmeteorite erfüllen ihrer Zusammensetzung nach diese Kriterien in
bester Weise (Abbildung 1 ).
Möglicherweise stammen die Mg-haltigen Basalte aus geologisch
jüngeren Vulkangebieten, z.B. aus der Tharsis Region mit ihren
mächtigen Schildvulkanen, wie dem Olympus Mons, der mit etwa 500 km
Durchmesser und einer Höhe von etwa 25 km die höchste Erhebung in
unserem Sonnensystem darstellt (im Vergleich hierzu sind alle Berge auf der
Erde ausgesprochene Zwerge). Im Gegensatz zu der relativ jungen,
möglicherweise heute noch aktiven Tharsis Region wird für die Gegend
der Pathfinder Landestelle ein Alter von mehr als 3 Milliarden Jahren
geschätzt. |
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Die Steine an der Pathfinder
Landestelle waren alle mehr oder minder mit Staub bedeckt. Dies geht sowohl aus
den Bildern, als auch aus den APX-Analysen hervor. Insbesondere die
Schwefelgehalte liegen um ein Vielfaches höher, als man für aus der
Schmelze erstarrtes Gestein erwarten dürfte. Alle APX-Analysedaten von
Marssteinen sind daher insofern verfälscht, als das APX-Spektrometer
naturgemäß den an der Gesteinsoberfläche haftenden Staub
mitmißt. Diese Staubbedeckung erreicht im Falle des Steines "Yogi" einen
Wert von über 50%.Trägt man die gemessene Elementkonzentration gegen
die Schwefelkonzentration auf, wie in Abbildung 2 geschehen, so ergeben sich
lineare Regressionen. Extrapoliert man auf einen Schwefelwert gleich Null, so
erhält man die Zusammensetzung der "staubfreien" Steine. |
 Rover Sojourner mit dem APXS am Stein
"YOGI" |
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Zur Berechnung der Regressionsgeraden in der
Abbildung 2 wurden nur die
Analysenwerte der untersuchten Steine herangezogen. Wie ersichtlich, fallen die
Meßwerte der Staubproben an das schwefelreiche Ende der
Korrelationsgeraden. Es wäre auch denkbar, daß es sich statt
anhaftendem Staub um Verwitterungskrusten handelt, die dann aber fast exakt die
Zusammensetzung des Staubes haben müßten.
Die Probe A8,
"Scooby Doo", hat einen sehr hohen Schwefel- und Chlorgehalt, fällt aber
für alle anderen Elemente (ausgenommen Magnesium) in den Bereich der
analysierten Steine. Die äußere Form und die feste Oberfläche
von "Scooby Doo" könnten auf ein Sedimentgestein hindeuten. Generell
muß gesagt werden, daß die untersuchten Marssteine ihrer
Zusammensetzung nach zwar in den Bereich der Andesite fallen, aber ein
Schluß auf eine ähnliche Entstehungsgeschichte voreilig wäre.
Es könnte sich ebensogut um Sedimentgesteine oder Impakt-Brekzien handeln.
Klare Erkenntnis aus der Pathfinder Mission ist, daß Mars seiner
geologischen Entwicklung nach viel komplexer, aber auch viel erdähnlicher
ist, als bisher angenommen wurde. Mobilität auf der Marsoberfläche
ist damit eine Grundvoraussetzung für alle künftigen Marsmissionen
mit geochemischer, bzw. geologischer Zielsetzung. |
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